888 Jahre Graurheindorf

 „Pfaffen Mutz“, A. Hogenberg. Kupferstich (Ausschnitt), 1623. Quelle: Heinrich Brodesser „Die Pfaffenmütz“

Die Historie im Überblick

- Ursprünge der Besiedlung -

 

Wohngruben aus der vorchristlichen Latènezeit (450 v. Chr. bis Christi Geburt), die bei Ausschachtungsarbeiten für die Kläranlage gefunden wurden, sind die ältesten Belege für eine Besiedlung des heutigen Dorfgebiets. In der darauf folgenden Römerzeit befand sich etwas südlich vom Ort in der Verlängerung der Römerstraße ein 10.000 Soldaten fassendes Römerlager. Funde im Bereich der Burg und der Kirche lassen den Schluss zu, dass Graurheindorf eine von mehreren Niederlassungen war, die sich um das Lager bildeten. Das Muster der Besiedlung des Orts ausschließlich entlang einer Straße lässt sich der anschließenden fränkischen Zeit (5. bis 9. Jahrhundert) zuordnen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es beispielsweise in der Brungsgasse und in der Herpenstraße keine Häuser. In dieser Zeit sind vermutlich viele Straßendörfer in der Kölner Bucht entstanden. Bis in die heutige Zeit lässt das Ortsbild diesen Ursprung erkennen.

 

- Rindorp, die Burg und die Mühlen -

Das erste schriftliche Zeugnis von der Existenz Graurheindorfs, damals noch „Rindorp“, datiert aus dem Jahr 1131, das daher als Geburtsjahr Graurheindorfs gilt. Hierin werden auch die Kirche und die Burg erstmalig erwähnt. Die Burg war zu der Zeit eine Wasserburg mit angeschlossenem Wirtschaftshof. Unweit der Burg standen bachaufwärts zwei Mühlen, eine bereits 1167 urkundlich nachweisbare Wassermühle mit zugehörigem Mühlenteich am Rheindorfer Bach und eine Windmühle weiter oberhalb im Auerberghang. Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert als deutsche Bockwindmühle gebaut, wurde sie im 19. Jahrhundert durch eine niederländische Turmwindwühle ersetzt. Der gemauerter Sockel ist noch heute erhalten und unter der Bezeichnung „Müllestumpe“ bekannt. Burg und Mühlen waren bis zur Säkularisierung (Entzug von Eigentumsrechten der Kirche durch den Staat) Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz des Bonner Cassiusstifts. 1689 brannten die Franzosen die Burg nieder. Die Burg in ihrer heutigen Form wurde 1755 errichtet. Als Baumeister wird der französische Architekt Michael Leveilly angenommen, der auch das Bonner Rathaus geplant hat. In der Folge litt die Burg schwer unter Kriegen und verfiel durch häufige Eigentümerwechsel. 1959 wurde die Burg in abbruchwürdigem Zustand an die heutigen Eigentümer verkauft und über die Jahre aufwändig instand gesetzt.

 

- Das Kloster und die Kirche -

Das Kloster fand 1230 erstmalige Erwähnung. Es ist jedoch anzunehmen, dass es schon deutlich früher gegründet wurde. Die älteste datierte Urkunde weist die Nonnen des Klosters 1237/38 als Zisterzienserinnen aus. Der Ortsbeiname ‚Grau‘, der Mitte des 14. Jahrhunderts aufkam, geht auf die graue Farbe der Ordenstracht der Nonnen zurück, während die Benediktinerinnen aus dem nahe gelegenen ‚Schwarz‘-Rheindorf eine schwarze Ordenstracht trugen. Das Kloster stand  unter Aufsicht der Abtei Heisterbach. Ihr war auch das Patronatsrecht für die Klosterkirche, die zugleich Pfarrkirche war, übertragen. Patronate waren Stiftungen zugunsten der Kirche, die Stifter die rechtlichen Eigentümer des Kirchengebäudes. Die erstmals 1131 nachgewiesene Kirche wurde auf den Fundamenten eines römischen Bauwerks errichtet. In der Zeit der französischen Herrschaft (1794 - 1814) verfiel das Kirchengebäude als Folge der Enteignung kirchlichen Besitzes im Zuge der Säkularisierung. Ein Neubau war nicht zu finanzieren, und so erwarb die Kirchengemeinde im Jahr 1806 das Hauptgebäude des Klosters und teilten es in Kirche und Pfarrwohnung. Dem Umbau der Kirche folgten bis zur Fertigstellung 1875 noch mehrere Umbauten und Erweiterungen, unterstützt durch den zu diesem Zweck gegründeten "Margaretenverein". Die übrigen Klostergebäude waren nach den Hochfluten von 1920 und 1926 so stark geschädigt, dass auch sie abgerissen und 1936 an anderer Stelle neu aufgebaut wurden.  Im Jahr 1924 wurde südlich am Turm der Kirche eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkriegs errichtet.

- Das geteilte Dorf -

Der Bachlauf von der Burg bis zur Mündung in den Rhein - bereits im Spätmittelalter (1250 bis ca. 1500) künstlich zur Entwässerung eines Rhein-Altarms und damit zur Gewinnung landwirtschaftlicher Anbauflächen angelegt - markierte die Grenze, die den Ort seit frühester Zeit in zwei Verwaltungsbezirke trennte. Das Oberdorf südlich des Bachs gehörte schon 1255 zur Stadt Bonn, das Unterdorf nördlich des Bachs - wie auch die weiter nördlich gelegenen Dörfer - zum Dingstuhl Widdig. Damals reichte die Besiedlung des Oberdorfes noch nicht bis an den Bach, sie konzentrierte sich um die Kirche. Vor dem Hintergrund dieser räumlichen Trennung zwischen Ober- und Unterdorf erscheint die organisatorische Trennung etwas weniger befremdlich. Die 1438 erstmals nachgewiesene Brücke über den Bach war durch ein Tor versperrt, das ihr die Bezeichnung "Pfortenbrücke" eintrug. Hier mussten landwirtschaftliche Produkte verzollt werden. Die Brücke war damals nur etwa 2 Meter breit. Die Brücke war auch Ausgangs- und Endpunkt des "Bonner Bann-Begangs" (Bann bezeichnete die Grenze der Gemarkung), der in unregelmäßigen Abständen zur Festsetzung und zur Bekräftigung der Bonner Gemarkungsgrenze stattfand. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie durch die heutige Bachbrücke ersetzt. Eine zweite Zollstelle befand sich an der Fähre nach Mondorf. Erst 1809 wurde auch das Oberdorf durch Präfekturentscheid der Franzosen der Stadt Bonn zugeschlagen. Grenzsteine zeugen von der einstigen Teilung Graurheindorfs.

 

- Kriege, Pest und Hochwasser -

Nahe der wohlhabenden Residenzstadt Bonn gelegen, aber außerhalb ihrer schützenden Mauern, war Graurheindorf vor allem vom Ende des 16. Jahrhunderts bis Mitte des 17. Jahrhunderts von den Auswirkungen verschiedener kriegerischer Auseinandersetzungen betroffen. Die Bewohner litten mehrfach unter der Anwesenheit von Truppen der jeweiligen Kriegsparteien. Prominentestes Beispiel ist die „Pfaffenmütz“, eine Begebenheit aus dem dreißigjährigen Krieg. Im Jahr 1620 drangen niederländische Truppen am Rhein bis nach Bonn vor. Um vormarschierende spanische Truppen und pfalzneuburgische Truppen aufzuhalten, errichteten sie auf dem Kemper Werth gegenüber Graurheindorf eine Festungsanlage. Es wird angenommen, dass sie die Größe von etwa 15 Fußballfeldern besaß. Ihre Form erinnerte an die Kopfbedeckung der katholischen Geistlichen und wurde deswegen von den protestantischen Niederländern spöttisch „Pfaffenmütz“ genannt. Die 3.000 Soldaten starke Besatzung der Anlage drangsalierte die Bewohner der umliegenden Dörfer. Zwei Jahre später erreichten die spanischen Truppen die untere Sieg und begannen mit der Belagerung der Festung von beiden Rheinufern. Im Dezember 1622 gaben die niederländischen Truppen, von Hunger und Skorbut geschwächt, die Festung auf. Die Festungsanlage wurde danach von den Spaniern besetzt und bis etwa 1629 gehalten. Das Leid der Bewohner verringerte sich dadurch freilich nicht. Heute ist von der Festung nichts mehr übrig. Aus Erdwällen und Holzverbauungen errichtet, hielt sie den Fluten des Rheins nicht lange stand. Einzig das 1653 erstmals erwähnte Heiligenhäuschen an der Bachbrücke erinnert an die Geschehnisse. Wahrscheinlich ist es 1623 aus Dank für die Befreiung von der Belagerung errichtet worden.

Doch auch nach dem Ende der Kriege kamen die Graurheindorfer nicht zur Ruhe: im 17. Jahrhundert grassierte die Pest gleich mehrmals in der Region. Während Graurheindorf von den vorausgegangenen Epidemien noch verschont geblieben war, so starb bei der schlimmsten Pest-Epidemie 1666 ein Drittel der Bewohner. Die rege Verkehrstätigkeit durch die Zoll- und Umspannstelle erklären die im Vergleich zum Oberdorf deutlich höheren Opferzahlen im Unterdorf. Die Legende berichtet, dass die Graurheindorfer in ihrer größten Not auf Betreiben des Pastors in einer Prozession mit nackten Füßen um den Ort zogen und den Hl. Bernhard, den 2. Schutzpatron der Graurheindorfer Kirche, um Beistand baten. Schon bald darauf sei die Pest im Ort erloschen, während sie in Bonn und Umgebung noch in den nächsten Jahren weiter wütete. Trost in diesen Notzeiten soll auch ein hochprozentiges Getränk gespendet haben, der 'Gebrannte', der noch heute im Rahmen der Dorfkirmes nach einem streng gehüteten Rezept hergestellt und ausgeschenkt wird.

Graurheindorf hat seit jeher unter den Folgen von Überflutungen zu leiden, wie auch die jüngsten Hochwasserkatastrophen von 1993 und 1995 eindrucksvoll gezeigt haben. Ab einem Pegel von ca. 8,70 Meter überschwemmt das Wasser die Estermannstraße vom Rheindorfer Bach her. Der höchste bekannte Pegel von wurde 1882 mit 10.20 m erreicht - das entspricht 11,20 m nach heutiger Messung - als das Dorf vollständig überflutet wurde.

 

- Leben und Arbeiten im Dorf -

Ein Großteil der Bewohner Graurheindorfs lebte auf landwirtschaftlichen Halfenhöfen. Als Halfen bezeichnete man die Pächter von Klostereigentum. Die Bauern mussten in der Regel die Hälfte des Ertrages als Pachtzins abführen. Die bäuerliche Lebensweise mit überwiegender Selbstversorgungswirtschaft prägte den Ort seit frühester Zeit. Hiermit verbunden war auch eine enge wirtschaftliche und soziale Vernetzung innerhalb des Dorfs. Produkte zum Leben und Arbeiten wurden im Dorf hergestellt und im Dorf verkauft. So gab es die verschiedensten Berufe im Ort, zum Beispiel Schneider, Schuster und Hufschmiede. Ursprünglich wurde in Graurheindorf neben Gemüse und Getreide sogar Wein angebaut, der sich freilich nicht mit der Qualität von Weinen aus bevorzugten Weinbaulagen messen konnte. Auf dem Stich von A. Hogenberg oben auf dieser Seite kann man die alten Weinbauflächen gut erkennen. Von der Estermannstraße ausgehende schmale Gassen sind damals für die Bewirtschaftung der Weinanbauflächen angelegt worden.

Auf dem Rhein wurden schon seit frühester Zeit Menschen befördert und Waren transportiert. Als man die Schifffahrt noch mit hölzernen Booten betrieb, die rheinaufwärts mit bis zu 20 vorgespannten, von sogenannten Rheinhalfen geführten Pferden "getreidelt" wurden, gab es im Mündungsbereich des Bachs in den Rhein eine Umspannstelle. Dort konnten die erschöpften Pferde gegen frische gewechselt werden. Gleichzeitig bot sich den Rheinhalfen die Gelegenheit, in einem Wirtshaus einzukehren (die Rheinhalfen waren als trinkfreudig bekannt) und zu nächtigen. Nicht weniger als drei Wirtshäuser hatten sich um die Umspannstelle angesiedelt. Das lässt auf eine rege Verkehrstätigkeit schließen, den die Lein-Schifffahrt bis Ende des 19. Jahrhunderts mit sich brachte.

 

- Graurheindorf im Wandel -

Der Beginn des Industriezeitalters Anfang des 20. Jahrhunderts brachte schließlich tiefgreifende Veränderungen für Graurheindorf: die Dampfschifffahrt machte die Leinschifffahrt überflüssig und verdrängte sie. Auf dem Gebiet der vormaligen Handelswerft entstand 1924 die Hafenanlage. Mehrere Industriebetriebe siedelten sich an, darunter die Auermühle, deren beeindruckende Speicher- und Mühlenbauten heute als Bürogebäude genutzt werden. Die landwirtschaftlichen Anbauflächen konnten die wachsende Bevölkerung nicht mehr versorgen. So veränderte sich auch die Erwerbsstruktur im einstigen Bauerndorf. Landwirtschaftliche Betriebe verschwanden nach und nach aus dem Dorfbild, urbane Berufe gewannen an Bedeutung. Der steigende Bedarf an Wohnraum macht sich auch in Graurheindorf immer deutlicher bemerkbar: Moderne Wohnkomplexe sind im Ort entstanden, sie bilden einen markanten Kontrast zu den alten Fachwerkhäusern, die - hauptsächlich entlang der Estermannstraße - noch erhalten geblieben sind.

 

Aus dem ehemals autarken, beinahe abgeschiedenen Dorf ist mittlerweile ein angebundener Stadtteil von Bonn geworden. Seinen dörflichen Charme hat sich Graurheindorf gleichwohl bewahren können.

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